Grit
Warum Ausdauer ein entscheidender Faktor für Erfolg ist
Grit bezeichnet die Fähigkeit, langfristige Ziele mit Beharrlichkeit zu verfolgen, auch wenn Rückschläge, Frustration oder Umwege auftreten. Das Konzept stammt aus der positiven Psychologie und wurde vor allem durch die Arbeiten von Angela Duckworth geprägt. Wissenschaftlich betrachtet ist Grit kein eigenständiges Persönlichkeitsmerkmal, sondern eng eingebettet in den Faktor der Gewissenhaftigkeit des Big-Five-Modells der Persönlichkeit.
Grit bildet dabei insbesondere die proaktiven, zielorientierten Anteile der Gewissenhaftigkeit ab: die Beharrlichkeit im Handeln und das beständige Interesse an übergeordneten Zielen. Studien zeigen, dass diese Aspekte mit relevanten Leistungskriterien zusammenhängen, etwa mit besseren Fachnoten, höherer Ausdauer beim Lernen und geringerem kontraproduktivem Verhalten.
In leistungspsychologischen Modellen wird zudem deutlich, dass Anstrengung langfristig einen stärkeren Einfluss auf Leistung haben kann als Talent. Talent beeinflusst zwar die Geschwindigkeit, mit der Fähigkeiten erworben werden, außergewöhnliche Leistungen entstehen jedoch erst durch fortwährende Investition von Anstrengung. Grit zählt zu den Variablen, die diese Anstrengungsbereitschaft beeinflussen.
Warum Grit kein Erfolgsversprechen ist – und genau deshalb relevant bleibt
So vielversprechend die Forschungsergebnisse auch sind, die Erwartungen an Grit sollten realistisch bleiben. Grit erklärt einen Teil von Leistung, aber keinesfalls den gesamten Erfolg. Es ersetzt weder förderliche Lernumgebungen noch emotionale Sicherheit, stabile Beziehungen oder passgenaue pädagogische Unterstützung.
In der wissenschaftlichen Diskussion wurde zeitweise kritisch angemerkt, dass Grit als eine Art Schlüsselvariable für Erfolg überhöht dargestellt wurde. Aktuelle Forschung ordnet das Konstrukt deutlich differenzierter ein: Grit ist ein relevanter, aber begrenzter Baustein im Zusammenspiel vieler Faktoren, die Lernen und Leistung beeinflussen.
Der Hase und die Schildkröte:
Eine Metapher für Hochbegabung und Ausdauer
Ein hochbegabtes Kind gleicht oft dem Hasen aus der bekannten Fabel. Es startet schnell, versteht Zusammenhänge intuitiv und erlebt Lernen häufig als mühelos. Viele Aufgaben gelingen ohne große Anstrengung, was früh zu einem Vorsprung führt.
.Die Schildkröte dagegen steht für Kinder, denen Lernen nicht leichtfällt. Sie benötigen mehr Zeit, müssen üben, wiederholen und Schritt für Schritt vorgehen. Dafür entwickeln sie häufig Ausdauer, Frustrationstoleranz und Beharrlichkeit.
Am Ende der Fabel erreicht nicht der Hase das Ziel, sondern die Schildkröte. Nicht, weil sie talentierter ist, sondern weil sie kontinuierlich drangeblieben ist. Diese Metapher verdeutlicht, was auch die Grit-Forschung beschreibt: Ein schneller Start ist hilfreich, aber kein Garant für langfristigen Erfolg. Entscheidend ist die Fähigkeit, auch dann weiterzugehen, wenn es schwierig wird.
Hochbegabung ohne Herausforderung:
Wenn Ausdauer nicht gelernt wird
Gerade hochbegabte Kinder entwickeln häufig ein verzerrtes Selbstbild, wenn sie in Kindergarten und Grundschule kaum echte Herausforderungen erleben. Sie lernen, dass Intelligenz mit Leichtigkeit gleichzusetzen ist. Sobald Aufgaben anspruchsvoller werden, etwa auf der weiterführenden Schule, wird Anstrengung nicht als normaler Teil des Lernens erlebt, sondern als Zeichen des eigenen Versagens.
Diese Dynamik kann zu Leistungsangst, Perfektionismus oder Vermeidungsverhalten führen. Aus entwicklungspsychologischer Perspektive fehlt hier oft die Erfahrung, dass Schwierigkeiten überwunden werden können und dass Durchhalten Teil von Kompetenzentwicklung ist.
Grit fördern?
Chancen durch ein Growth Mindset
Zur Förderung von Grit wurden insbesondere Growth-Mindset-Interventionen untersucht. Sie setzen an der Überzeugung an, dass Fähigkeiten durch Anstrengung wachsen können. Dieses Denken unterstützt Kinder darin, Rückschläge nicht als Beweis mangelnder Begabung zu interpretieren, sondern als Teil eines Lernprozesses.
Studien zeigen, dass ein gestärktes Growth Mindset kleine Zuwächse in Grit begünstigen kann. Kinder bleiben eher an Zielen dran, wenn sie davon überzeugt sind, dass ihre Anstrengung wirksam ist. Die Effekte auf schulische Leistungen sind jedoch bislang gering, und die langfristige Stabilität dieser Effekte ist noch unklar.
Insgesamt bieten diese Ansätze ermutigende Perspektiven, gleichzeitig steht die Forschung zu Grit noch am Anfang. Viele Mechanismen sind noch nicht abschließend geklärt, und es bleibt offen, welche Interventionen dauerhaft wirksam sind.
Warum Grit dennoch ein wichtiger Baustein bleibt
Grit ist kein Wundermittel und kein Ersatz für Begabungsförderung. Aber es erweitert den Blick auf Lernen und Leistung um einen entscheidenden Aspekt: Erfolg entsteht nicht allein durch Talent, sondern durch die Fähigkeit, dranzubleiben.
Gerade für hochbegabte Kinder ist diese Erkenntnis zentral. Begabung kann ein Geschenk sein. Beharrlichkeit macht daraus eine Stärke.
Quellen
- Schmidt, F. T. C. & Fleckenstein, J. (2019).
Grit: Beharrlichkeit und beständiges Interesse bei der Verfolgung langfristiger Ziele.
In: Gaspard, H., Trautwein, U. & Hasselhorn, M. (Hrsg.), Diagnostik und Förderung von Motivation und Volition. Göttingen: Hogrefe. - Duckworth, A. L. (2016).
Grit: The power of passion and perseverance.
New York: Scribner. - Stamm, M. (2024). Von unten nach oben. Arbeiterkinder und ihre Bildungsaufstiege an das Gymnasium. Beltz
